Kyoto lehrt Geduld. Die schönsten Momente kommen früh, bevor die Busse eintreffen: ein leerer Tempelhof im Morgenlicht, der Duft von Räucherwerk, das Rascheln von Bambus. Sechs Tage reichen nicht, um die Stadt zu verstehen, aber genug, um ihren Rhythmus zu spüren.
Mit dem Shinkansen aus Tokyo, gut zwei Stunden durch vorbeiziehende Reisfelder. Einchecken, dann am Abend nach Gion: über die Hanamikoji-Strasse, vorbei an hölzernen Teehäusern, mit etwas Glück huscht eine Geiko zu ihrem Termin. Zum Abendessen ein Kaiseki-Menü, viele kleine Gänge, jede Schale ein eigenes Bild.
Um sechs Uhr am Fushimi-Inari-Schrein, wenn die zehntausend roten Torii noch fast leer sind. Der Weg den Berg hinauf dauert gut zwei Stunden, mit jedem Absatz wird es stiller. Zurück in der Stadt über den Nishiki-Markt treiben lassen: eingelegtes Gemüse, Tofu-Donuts, grüner Tee. Der Nachmittag gehört einem Teehaus und einem Buch.
Früh nach Arashiyama, durch den Bambushain, solange das Licht noch schräg fällt. Danach der Zen-Garten des Tenryu-ji und ein Spaziergang am Fluss. Wer mag, nimmt das Boot durch die Hozugawa-Schlucht. Abends zurück am Kamo-Fluss sitzen, wo sich die halbe Stadt zum Feierabend trifft.
Der Goldene Pavillon Kinkaku-ji gleich zur Öffnung, gespiegelt im Teich. Danach der Kontrast: der Steingarten des Ryoan-ji, fünfzehn Felsen, weisser Kies, nichts sonst. Man setzt sich hin und bleibt länger als geplant. Am Nachmittag eine Teezeremonie, langsam gelernt, konzentriert getrunken.
Im April blühen die Kirschbäume über dem Kanal des Philosophenwegs. Start am Silbernen Pavillon Ginkaku-ji, dann gemächlich nach Süden, mit Pausen in kleinen Cafés. Zum Abend hinauf zum Kiyomizu-dera, wenn die Stadt in der blauen Stunde unter der grossen Holzterrasse liegt.
Mit dem Zug in einer knappen Stunde nach Nara. Im Park verneigen sich die freilaufenden Rehe für einen Cracker, dahinter wartet der Todai-ji mit seinem riesigen Buddha aus Bronze. Zurück in Kyoto ein letztes Abendessen in einer kleinen Izakaya. Man geht nicht weg von hier. Man verabschiedet sich nur bis zum nächsten Mal.